Die Wundversorgung wird moderner. Doch was heißt das genau und wie kannst Du Deinem Pferd am besten helfen? Wundtherapeutin Susan Bär erklärt, worauf es wirklich ankommt.
Als Wundtherapeutin für Tiere liegt Ihnen die Aufklärung am Herzen. Was sind die größten Chancen?
Das Prinzip „Versuch & Irrtum“ ist zwar noch weit verbreitet, auch unter Tierärzten. Als Tierbesitzer hast du jetzt die Chance, dem modernen Trend zu folgen. Also weitergehen und „das haben wir schon immer so gemacht“ mutig hinter dir lassen. So werden Schmerzen für unsere Tiere reduziert und die Wundheilung kann sogar beschleunigt werden. Dabei sparst du Zeit und bares Geld.
Welche Wunden können Tierbesitzer selbst versorgen?
Kleine Abschürfungen, Scheuerstellen oder Bissstellen, also Wunden, die kaum bluten und oberflächlich sind, kannst du selbst versorgen. Sonst frühzeitig einen Wundtherapeuten und/oder Tierarzt zu Rate ziehen. Zu nähende Wunden sollten innerhalb von 4-6 Stunden durch den Tierarzt versorgt werden.
Warum ist es so wichtig, eine Wunde schnell zu versorgen?
Der Körper arbeitet unmittelbar nach einer Verletzung mit Hochdruck daran, eine Wunde zu schließen, um Infektionen zu verhindern. Ich empfehle, jede kleinste Blessur rasch zu versorgen. So heilt sie deutlich schneller und komplikationsloser. Bei einer kleinen Wunde sollte bereits am dritten Tag das Fell nachwachsen, sonst läuft etwas falsch. Mit feuchter Wundversorgung kann es gelingen.
Viele greifen zu Jod oder Blauspray, Zink oder Aluspray. Was halten Sie davon?
Die sind nicht mehr zeitgemäß, gehören also nicht zur modernen Wundversorgung. Jod, Blauspray, Aluspray und Co. schaden oft mehr als sie nützen. Sie können das Gewebe angreifen, Allergien auslösen, halten die Wunde nicht sauber und können die Wundheilung sogar behindern. Wenn du also deinem Tier etwas Gutes tun willst, modernisiere jetzt deine Stallapotheke. Ich empfehle inzwischen nur noch moderne Wirkstoffe.
Wie ist die aktuelle Empfehlung für moderne Tierbesitzer?
Seit dem Wundkonsens im Jahr 2018 werden verschiedene moderne Wirkstoffe als neuer Standard empfohlen. Dazu gehören u.a. die „Hypochlorsäure“ z.B. in BÄRALIS Nr. 1 & 2, „Polihexanid“ z.B. in Prontosan, „Octenidin“ z.B. in Octenisept. Doch Vorsicht: die Wirkstoffe nicht miteinander kombinieren. Du benötigst jeweils eine flüssige Lösung zur Reinigung und ein Gel zum Feuchthalten. Verwende immer die flüssige Lösung und das Gel mit dem gleichen Wirkstoff. Wichtig ist auch: Wundhygiene einhalten, indem du zur Wundversorgung immer Einmalhandschuhe trägst und nur sterile Kompressen verwendest.
Welcher Wirkstoff ist Ihr persönlicher Favorit?
Als Wundtherapeutin für Pferde arbeite ich in der Praxis mit Anolyt-Lösungen, mit der Hypochlorsäure. Interessant ist, dass das körpereigene Immunsystem die Hypochlorsäure selbst herstellen kann und effektiv gegen Bakterien, Viren und Pilze einsetzt. Es bilden sich keine Resistenzen und der Einsatz auf Wunden ist schmerzfrei. Somit versorge ich von außen die Wunde nach dem gleichen Prinzip wie der Körper selbst. Anolyt ist im Humanbereich schon stärker im Einsatz. Beim Tier zeigen die Erfahrungen beachtliche Erfolge, weitere Studien sind notwendig.
Was ist das Besondere an der „feuchten Wundversorgung“?
Um die Wundheilung zu beschleunigen, muss die Wunde sauber sein und ein optimal feuchtes Wundmilieu vorherrschen. Als Tierbesitzer kannst du mit der flüssigen Lösung die Wunde reinigen (Phase 1) und danach mit einem Gel (Phase 2) benetzen, um sie feucht zu halten.Das geht mit oder ohne Verband. Vorteile der „feuchten bzw. modernen Wundversorgung“ gibt es viele: Die Wunde trocknet nicht aus, juckt nicht, es entstehen keine Krusten. Ohne Krusten läuft die Heilung schneller, schmerzfreier und es bilden sich schönere Narben. Es ist eine der effektivsten Methoden zur Wundbehandlung.
Welche Anzeichen deuten darauf hin, dass bei der Heilung etwas nicht stimmt?
Kleine Blessuren sollten am 2. Tag komplikationslos verschlossen sein. Krusten, Schmerzen, Schwellungen, Eiter können Anzeichen sein, dass bei der Heilung etwas nicht stimmt. Aber auch: eine kleine Wunde, die nach drei Tagen noch immer offen ist und nässt. Das alles sind Warnzeichen, die sich ein Wundspezialist ansehen sollte.